Sexualität als gesellschaftliche Veranstaltung
Auf der Gästeliste: der Körper
Eine Rezension über Rüdiger Lautmanns Soziologie der Sexualität
von Olaf Bohn

Für viele berühmte Denker des 19. und 20. Jahrhunderts war das Sexuelle ein harmloser Spaß, der in ihrer Gesellschaftsanalyse keine große Rolle spielte. Zum Beispiel für Marx und Engels. Der Naturalismus beherrschte ihre Köpfe und Sexualität war folglich einer der schöneren Seiten des täglichen Lebens, vor der Frau und Mann keine Angst haben mussten. Wie wir in Rüdiger Lautmanns neuster Untersuchung Soziologie der Sexualität nachlesen können, graute den Naturalisten, bodenständig wie sie waren, eher vor der „politischen Repression, weil sie zu sexueller Repression führen kann“. Eine Weiterführung von Engels Votum zugunsten der Ehefrauen hätte dementsprechend ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Sexualität erwarten lassen, welches dann aber erst von der Kritischen Theorie und hier vor allem von Marcuse gehalten wurde. Alles im grünen Bereich also, und wer wird es den Autoren wirklich verübeln, dass sie sich in einer politisch so unruhigen Zeit wie der ihrigen vornehmlich dem Kapital annahmen und nicht dem sexuellem Verlangen?
Und wo wir gerade bei der Kritischen Theorie sind: Dass sich die Moderne, trotz ihrer Freizügigkeit und trotz Marcuse, Freud und Kinsey-Reports, mit dem Verstehen von Sexualität schwer tut, hat für Rüdiger Lautmann einen adornodesk-melancholisch anmutenden Grund: „Wie den Künsten und der Religion ergeht es auch der Sexualität: So genau möchten wir gar nicht wissen. Denn wir fürchten, den Zauber einzubüßen, den die Leidenschaften auf uns ausüben; eine der Zufluchten in einer überrationalisierten Lebenswelt.“ Wer möchte dem widersprechen? Und vor allem: Wie gestrickt müssen jene sein, die sich schadlos dem Thema nähern können? Der Schlüssel zum Erfolg, so Lautmann, liegt in einer anderen Leidenschaft: die der wissenschaftlichen Neugier, die mit etwas Glück „ihren eigenen Zauber entwickelt.“ Dieses Glück muss den passionierten Sexualforscher zweifelsohne überkommen sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass der aufgrund einer vorangegangenen Untersuchung über Pädophilie (Die Lust am Kind, 1994) sehr umstrittene Soziologe aus Bremen ein Werk wie das vorliegende darreichen kann. Seine Soziologie der Sexualität ist eine anschaulich formulierte und begrifflich genau reflektierte Studie, die unverzichtbar ist für diejenigen, die wissen wollen, unter welchen gesellschaftlichen Umständen der Mensch in der Sexualität sein Glück oder Unglück findet.
Soziosexuelle Rahmen des Körpers
Dem Autor geht es um die Frage, was das Soziale an der Sexualität ist: „Alles Geschlechtliche und Sexuelle wird nur dann gründlich verstanden, wenn es als eine gesellschaftliche Veranstaltung begriffen wird“. Und wenn endlich anerkannt wird, wie wichtig die Einbeziehung des menschlichen Körpers für eine genaue soziologische Analyse ist. Die Sozialwissenschaft, so Lautmann, tut sich hier bislang schwer, was demzufolge oft zu unnötigen Streitereien im Fach führt: „Überall hat man erkannt, dass Körper, Handeln und Sexualität zusammengehören, nur in der Soziologie nicht bzw. hier wurden keine Konsequenzen für den Grundbegriff des sozialen Handelns gezogen“. Den Körper auszublenden führt zu Problemen, denn er ist schließlich immer dabei wenn wir uns sozialem Raum, der eben auch ein sexueller Raum ist, bewegen. Aus dieser Perspektive heraus unternimmt Lautmann einen Steifzug durch die Literatur, die versucht, einer „Philosophie des Körpers“ Rechnung zu tragen und skizziert dabei von Bourdieu über Deleuze/Guattari bis Foucault, Goffman, Simmel die Körpermodelle, die dieser Philosophie bisher zu Grunde liegen. Im Anschluss daran arbeitet er fünf soziosexuelle Rahmen heraus, in denen sich der Körper bewegt: Erotik-Rahmen, Geschlechter-Rahmen, Biographie-Rahmen, Gesundheits- und Störungsrahmen. Die Schnittmenge dieser Rahmen schafft sexuelle Strukturen und je mehr und je temporeicher sich die Rahmenvorgaben verändern, desto bunter geht es natürlich bei den Strukturen zu und die Vielfalt der „sexuellen Skripte“, nach denen die Menschen vorgehen, vergrößert sich und mit ihnen die sexuellen Phänomene. Gleichen sich die sexuellen Phänomene in einer Gesellschaft oder Gemeinschaft, formt sich eine Sexualkultur, in der abweichendes Sexualverhalten unterschiedlich stark sanktioniert wird und die zudem oft sonderbare Institutionen wie etwa die Ehe kreiert.
Das Rahmen-Modell ist wunderbar dazu geeignet, die historisch- und kulturwissenschaftliche Soziologie unter besonderer Berücksichtigung des Körpers einzubetten in ein Schema, welches es erlaubt, Sexualität begreifbar zu machen. Was kann die Soziologie den Erkenntnissen der Biologie und Psychologie entgegensetzen, wenn es um Liebe, Inzest, Verführung und Orgasmus geht? Welche Sexualkulturen existieren oder haben existiert und welche Körperzonen wurden in diesen Kulturen auf welche Weise erotisiert, tabuisiert, manipuliert? Die Fülle an Wissen, an Anschauungen und Gegenanschauungen mit denen Lautmann uns konfrontiert ist so umfassend, dass das die LeserInnen sich nach der Lektüre wie im Paradies fühlen können. Besondere Erwähnung verdient die Fähigkeit des Autors, die durch die vielen verschiedenen Ansätze von Luhmann, Elias und Co verwirrten LeserInnen im richtigen Moment an die Hand zu nehmen, so dass diese am Ende der einzelnen Abschnitte jeweils wieder Land sehen. So heißt es z.B. nach der Skizzierung der verschieden Thesen zum Orgasmus trocken: „Bleibt man in skeptischer Distanz zu den spekulativen Höhenflügen (...), dann markiert der Orgasmus vor allem eines: das Ende der erregenden Situation“. Das klingt ernüchternd. Vor allem für SoziologInnen, da doch ja auch die Soziologie am Ende scheint, wenn sich der Orgasmus physisch und psychisch determiniert präsentiert. Das Glück liegt jedoch nicht nur in den Reizempfindungspartikeln unserer Sexualorgane (wer Michelle Houllebecqs Elementarteilchen gelesen hat, weiß schon, wie diese Nervenenden heißen: Krause-Endkolben). Der Gipfel der Lust hat eben auch einen sozialen Aspekt, was für Lautmann nicht zuletzt an der gesellschaftlichen Diskussion um den weiblichen Orgasmus erkennbar wird.
Hardcore-Soziologie
Lautmanns Werk ist Hardcore-Soziologie im besten Sinne: Großzügig und mit viel analytischem Scharfsinn serviert er uns das, was bis heute an Forschung zu diesem Thema stattgefunden hat und beschreibt dabei oft sehr pointenreich sexhistorische Sternstunden (Gnostismus) und totale Flops (Jehovanismus). Ein Kapitel über die verschiedenen Zukunftsprognosen der Forschung darf da natürlich genauso wenig fehlen, wie eine Prognose des Autors. Diese fällt angenehm bescheiden aus und stimmt, ganz im Gegensatz zu den Vorhersagen vieler seiner KollegenInnen, sogar optimistisch: Die von Fachleuten oft in die Diskussion geworfenen Stichwörter Technisierung, Globalisierung, Amerikanisierung usw. sind zwar mit den Änderungen im Sexualverhalten in Verbindung zu bringen, doch ob der Sex wirklich immer anonymer, kommerzieller oder emotionsloser wird, bleibt nach Lautmann offen, denn letzten Endes „beißen sich Modernisierung und Rationalisierung am Sexuellen ihre Zähne aus“. Sie können „die Sexualverhältnisse nicht grundstürzend verändern. Moral-kulturelle Kräfte bleiben die dominanten Kräfte im Wandel der geschlechtlichen Intimität“. Und so dominant die Kraft der Moral auch seien mag, so schwer ist es zu sagen, wie sich Moral entwickeln wird. Damit ist klar: Nur „das Chaotische am geschlechtlichen Verlangen bleibt stabil“. Sehr gut!
Rüdiger Lautmann: Soziologie der Sexualität - Erotischer Körper, intimes Handeln und Sexualkultur. Juventa Verlag 2002 (Grundlagentexte Soziologie), 547 S.
Olaf Bohn ist Kriminologe und lebt in Hamburg (e-mail: kontakt@olafb.com)